Außen vor

Manche Dämonen wird man niemals wirklich los, ganz gleich, was man unternimmt, ganz gleich, wie sehr man sich bemüht. Sie nähren sich von Ängsten, die mit ihren Wurzeln bis tief in die eigene Seele reichen. Solange man stark ist und gewappnet fühlt, sind sie nicht sichtbar, denn sie lauern im Schatten. Und sobald die Chance da ist, man eine Schwäche zeigt und verwundbar ist, treten sie vor und ergreifen Besitz von Körper und Gedanken.

Lange habe ich mir erfolgreich einreden können, daß nicht Schlimmes daran ist, wenn ich allein bin, wenn ich zu nichts und niemandem dazugehöre. Nach einem verheerenden Rückschlag vor über einem Jahr hatte ich mich wieder gefangen und aufgerappelt, irgendwie. Gedanken an Gefühle wie Einsamkeit oder daran, daß ich mir ausgeschlossen vorkommen könnte, glaubte ich, wenn schon nicht überwunden, doch zumindest im Griff zu haben.

Doch dann fallen Zuneigung, Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte plötzlich, wie aus dem Nichts auf den fruchtbaren Boden neben der niemals ganz erloschenen Glut im Innern, und Gedanken schaffen es, daß es hell und luftig genug wird, daß diese Saat Wurzeln schlägt und zu wachsen beginnt. Vollkommen unvorbereitet breitet sich auf einmal etwas wie neues Leben in einem aus, und mit ihm kehren allerlei Gefühle zurück.

Die rückkehrenden Gefühle machen die so mühsam geschmiedete Rüstung eng, denn was da im innersten ist, will wachsen, braucht mehr Raum, mehr Licht, mehr Wärme – braucht Nähre, braucht Menschen. Doch mit den Gefühlen ist auch der Weg bereitet für die Rückkehr der Ängste, der Dämonen, und der Kampf beginnt: Der Kampf zwischen den Erinnerungen an schmerzhafte Erfahrungen, die man nicht schon wieder erleben möchte, und all dem, was da plötzlich wieder ist, und dem Leben etwas von seinem Wert zurückzugeben versucht.

So geschieht es, daß beinahe im gleichen Maße, wie die Öffnung für das, was rundherum passiert, voranschreitet, auch die herbe Realität sich ihren Weg zurück ins Bewusstsein bahnt und beängstigende Gefühle auslöst. Da ist nichts und niemand, zu dem ich passe, der meine Bemühungen unterstützt, würdigt oder gar fördernd annimmt. Es gibt keinen Anschluß, ich gehört nirgendwo dazu, passe nirgendwo hinein, und es wird klar: Ich war, bin und bleibe außen vor.

Das Leben geht weiter. Immer. Irgendwie. Doch mit den Ängsten werden auch die Stimmen der Dämonen wieder deutlich hörbarer. Für wen und wozu das alles? Reichen nicht die Narben, welche die Rückschläge und Verletzungen bisher schon auf Herz und Seele zurückgelassen haben? Sind nicht sogar einige von ihnen noch gar nicht richtig verheilt? Für wen und wozu das alles? Ist es das wert? Ist da jemand, der es wert ist? Wozu sollte ich es mir selbst wert sein?

Außen vor, ohne Anschluß. Niemand, der zuhört, niemand, der auch nur versucht zu verstehen. Kein Halt, keine Sicherheit. Kein Mensch oder gar ein Netz von Menschen, nichts, was mich auffangen könnte, sollte ich – wieder einmal – straucheln und fallen. Wird es diesmal am Ende der eine Sturz ins Bodenlose sein? Und wenn schon, wer würde es merken: Ich war, bin und bleibe außen vor.

Ich stehe am Rand, schaue zu, ohne mitwirken zu dürfen. Doch ich gehe nicht weg: Ich werde es weiterhin versuchen, auch wenn ich dieses Mal wieder außen vor bleiben sollte. Da wird immer Platz für Zuneigung, Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte sein, irgendwo, und die Glut wird niemals ganz erlöschen, zumindest nicht so bald… Eine der Hoffnungen, vielleicht die große Sehnsucht – oder die größte aller Illusionen.

Doch Illusionen werden mir keine Hand reichen. Und wer weiß: Eines Tages ist sie vielleicht endlich da, diese eine Hand. Dann hoffe ich, daß ich sie sehen, sie erkennen kann, wie ich den Menschen sehen und erkennen kann. Und ich hoffe, daß ich dann noch die Kraft haben werde, diese Hand zu ergreifen. Denn dann werden es die Ängste sein, die außen vor sind – wo sie hingehören.

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