Sprachwerte

Eines der vielleicht hervorstechendsten Merkmale des Menschen ist die Sprache. Über lange, lange Zeit hat er Mittel und Wege entwickelt, sich mitzuteilen und sich mit anderen Menschen auszutauschen. Doch wie vieles, so hat auch Sprache (mindestens) zwei Seiten, kann nicht nur hilfreich gebraucht, sondern auch mit zuweilen verheerender Wirkung mißbraucht werden.

Neben Mißverständnissen, die sich wohl nie werden vermeiden lassen, was in der (menschlichen) Natur der Sache begründet liegen dürfte, kommen mir ad hoc das Schweigen, das Reden über jemanden (insbesondere Abwesende) und die Gespräche, die aneinander vorbei geführt werden als besonders unschöne Varianten in den Sinn, nicht zu vergessen passiv-aggressive Wortwechsel, die halblaut an zwar anwesende, aber nicht in die Unterhaltung eingebundene Dritte gerichtet werden.

Warum nur fällt es uns zuweilen so schwer, anderen Menschen in die Augen zu schauen und sie direkt anzusprechen, wenn es in und mit dem, was wir auszudrücken und zu transportieren versuchen, doch um sie geht? Ist es Scham oder vielleicht die Furcht vor Konsequenzen? Ist es die bequeme, wenn auch trügerische Sicherheit, die Andeutungen und indirekte Kommunikation geben? Oder ist es vielleicht das durch unterschiedlichste Schichten vieler Gesellschaften vorgelebte Mißtrauen, welches uns vermuten läßt, daß man Worten nicht trauen kann, weil den Menschen, die sie benutzen, eben schon viel zu lange die Ehrlichkeit und Verbindlichkeit abhandengekommen sind?

Ehrlichkeit. Verbindlichkeit. Vertrauen.
Unaufrichtigkeit. Unverbindlichkeit. Mißtrauen.

Vielleicht hängt es davon ab, ob es zwei Menschen, die sich unterhalten (wollen), ernsthaft und ehrlich versuchen, sich auf einer gemeinsamen Ebene zu bewegen und sich auszutauschen. Natürlich bedarf es Zeit, Interesse und Aufmerksamkeit, um eben mögliche Ebenen zu finden. Nehmen sich Menschen noch Zeit, wenn sie sich unterhalten, oder ist es inzwischen auch schon zu Unterhaltung-to-go verkommen? Haben Menschen noch (ehrliches) Interesse an anderen, wollen sie wirklich hören, erfahren, wissen, was andere ihnen zu sagen haben, welche Fragen sie stellen, oder sind Unterhaltungen zu einer pseudo-sozialen Zwangshandlung ohne Mehrwert verkommen? Hören die Menschen einander noch zu, können sie die Aufmerksamkeit aufbringen den anderen als Gesprächspartner wahrzunehmen, und bringen sie die Energie auf sich darum zu bemühen, den anderen (zumindest in Ansätzen) zu verstehen?

Die Angst vor Mißverständnissen treibt sicherlich die einen um, andere vielleicht eher eine zwanghafte, aufgesetzte politische Korrektheit. Einige tun alles, um allem aus dem Weg zu gehen, was auch nur im entferntesten eine Konfrontation sein könnte, während andere alles dafür tun, um sich als aalglattes Zentrum ihres eigenen Universums zu präsentieren. Die anderen Menschen? Ein notwendiges Übel, eine zu meidende Herausforderung, eine immer neue Konkurrenz, die mit allen Mitteln zu neutralisieren ist? Sind wir von Mit- zu Gegenmenschen mutiert?

Natürlich kann ich mir an die eigene Nase fassen, und zwar immer wieder, mit Fingern beider Hände. Auch ich schreibe ab und zu sogenannte Nonmentions auf Twitter, weil ich mich tatsächlich hin und wieder nicht traue, zu gerade diesem Zeitpunkt eine persönliche und direkte Offenheit an den Tag zu legen. Und ich schreibe gerade diesen Text, den ich wohl auf meinem Blog veröffentlichen werde, anstatt auf jeden Einzelnen zuzugehen, der mir allein heute durch Verhalten unangenehm auffiel, welches ich bisher als wenig wünschenswert beschrieben habe. Allerdings ist mir durchaus bewußt, daß ich „Soziallegastheniker“ (und auch hin und wieder ein ausgewiesener Angsthase) bin, weshalb ich mich auch wieder und wieder den damit verbundenen Herausforderungen stelle.

Vielleicht erleben wir ja noch die Rückkehr der Zeiten, in denen Menschen wieder mehr mit- als über- oder gegeneinander sprechen. Oder wir dürfen noch den Anbruch neuer Zeit miterleben, in denen Ehrlichkeit, Verbindlichkeit und Vertrauen wieder einen offeneren Umgang und Austausch der Menschen unter- und miteinander ermöglichen. Zeiten ändern sich, ändern Menschen, und vielleicht haben wir ja auch einfach etwas Glück.

Ach, kommt schon: Laßt mich träumen.

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Überfällig

Ein Kapitel, das etwas länger als 13 Jahre war, ging vor einigen Wochen offiziell zu Ende. Der zugehörige Lebensabschnitt war allerdings schon sieben Jahre zuvor für beendet erklärt worden. An und für sich sind das alles Zahlen, die ich, um mein Leben zu beschreiben, schon seit dem Ende meiner Schulzeit nicht mehr benutzen konnte.

Die Zahlen Drei und Vier tauchen mit Abstand am häufigsten auf, wenn es darum geht zu beschreiben, wie beständig ich voranschreite. Allerdings ließe sich mehr als trefflich darüber streiten, ob es um Fortschritt geht oder es lediglich Veränderung ist, ob es schlichtweg Unbeständigkeit ist, eine Rastlosigkeit, oder ob ich einfach in Wellen gelebt werde.

Seit über vier Jahren lebe ich nun bereits in ein und derselben Wohnung. Seit über vier Jahren arbeiten ich für ein und denselben Arbeitgeber, auf ein und derselben Position in ein und demselben Büro. Das ist für mich tatsächlich etwas wie ein persönlicher Rekord, doch weiß ich tatsächlich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Bestmarken sind eine Sache, der Widerstreit zwischen dem Wunsch nach Beständigkeit und dem nach Veränderung und Herausforderung eine ganz andere.

Im vergangenen Jahr wäre es beinahe soweit gewesen, da war eine sehr weitreichende Änderung fast schon zum Greifen nahe. Vielleicht war es gerade diese Nähe zum vermeintlich wünschenswerten Ziel, die den Absturz, der folgte, umso heftiger werden ließ. Selten hatte ich mir einen Wandel so sehr gewünscht, und selten hatte ich zuvor solch ein Gefühl erlebt, daß mir so vehement der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Lange hatte es gedauert, bis ich mich wieder gefangen hatte, bis es wieder halbwegs normal weitergehen konnte. Selten zuvor hatte ich mich so hilflos, allein und verlassen gefühlt, wie zu dieser Zeit; das letzte Mal vor (damals) sechs Jahren. Daß es irgendwie weiter ging, war vermutlich mehr ein Produkt des Zufalls als alles andere.

Doch letztlich ist sie schon geradezu überfällig, die nächste echte Veränderung, und ich hoffe sehr, daß ich die Gelegenheiten erkennen werde, wenn sie sich zeigen. Auch hoffe ich, daß ich dann die Kraft und die Zuversicht, sprich den Mut wiedergefunden haben werde, die Chancen dann auch tatsächlich zu ergreifen.

Wer weiß, vielleicht findet sich ja auch jemand, der mich dann, wenn es soweit ist, mit behutsamer Bestimmtheit anschiebt, damit ich mich tatsächlich bewege, bevor der Moment auch schon wieder vorbei ist. Vermutlich werde ich es jedoch handhaben müssen, wie es dem Baron von Münchhausen einst auf so sagenhafte Art und Weise gelang.

Es gibt viele Änderungen, die, wenn ich ehrlich bin, überfällig sind… Immerhin schreibe ich schonmal darüber: Der Anfang vom Ende der Überfälligkeit?

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Augenblick

Es bäumt sich auf,
einer Welle gleich.
Es wächst, wird
schneller, schneller.

Ein kurzer Anlauf,
ein beherzter Sprung
ins Unbekannte, das
so vertraut wirkt.

Es packt dich im Nu,
jede deiner Fasern,
reißt dich mit,
spielt mit dir.

Schwindel packt dich,
freudige Begeisterung.
Das Herz pocht schnell.
Schneller. Schneller.

Dann tauchst du auf,
willst nur kurz
Atem holen, dich
dann wieder hingeben.

Doch die Welle,
sie ist nicht mehr.
Ein Augenblick nur.
Vorbei. Vorbei.

Schwindel packt dich,
du schnappst nach Luft,
gleich einem Fisch,
an Land gespült.

Du bäumst Dich auf,
blickst stumm umher.
Ein Augenblick nur.
Vorbei? Vorbei.

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Ohnmacht

Manche Dinge werden nicht leichter dadurch, daß man beide Seiten der Medaille kennt, auch dann nicht, wenn man die Erfahrungen selbst gemacht, die Erkenntnisse selbst gesammelt hat. Oft wünsche ich mir dann die Naivität und Unwissenheit aus den Tagen vor meiner ersten Therapie zurück, wohl wissend, daß ich die Zeit nicht zurückdrehen kann, und ahnend, daß es vielleicht wirklich besser ist, daß ich sie nicht zurückdrehen kann.

Man sieht einiges eben tatsächlich beinahe schon durch die Augen der anderen.
Man kann tatsächlich mitfühlen, bis zu einem gewissen Grad, hat echtes Mitgefühl.
Man kann tatsächlich mitleiden, hat echtes Mitleid, bis hin zu körperlichen Schmerzen.
Und doch kann man meistens kaum etwas tun – außer eben da sein, da bleiben.

Man steht ohnmächtig daneben, streckt die Hand aus und bietet Hilfe an, bedingungslos. Es ist das Einzige, was man tun kann, was man immer wieder anbieten kann, wohl wissend, daß nur selten, ganz selten sich die andere Hand erheben und tatsächlich versuchen wird, die eigene zu ergreifen. Man versucht es wieder und wieder, immer den schmalen Grat zwischen dem Anbieten und dem Aufzwingen von Unterstützung vor Augen.

Man sieht, daß einem eine Hand entgegengestreckt wird, doch ist es eine Sache, die angebotene Hilfe zu erkennen, aber eine ganz und gar andere, diese auch annehmen zu können. Vielleicht ist da etwas wie Scham, vielleicht auch etwas wie Bedenken, ob es auch ehrlich gemeint ist. Vielleicht ist es Kraftlosigkeit, die eigene Hand zu heben und auszustrecken. Vielleicht ist es auch Schutz: Der Versuch, den Helfer zu schützen – oder sich selbst vor Hilfe zu schützen.

Es wäre leicht, vielleicht zu leicht einfach aufzugeben, das Gefühl der Ohnmacht durch eines der Resignation zu ersetzen, vielleicht auch durch eines der Wut und des Hasses auf bzw. gegen den, der vielleicht tatsächlich die Hilfe braucht – vielleicht sogar dringender, als es alle Beteiligten sehen oder sich eingestehen wollen oder können. Es ist eine Frage der Kraft, ob und wie lange man sich gegen die Ohnmacht stellen und doch wieder und wieder sich selbst und die Hilfe anbietet, anbieten kann.

Man war selbst dort. Man erkennt es wieder, erkennt alles wieder, irgendwie. Man erinnert sich an die Dankbarkeit, die man gegenüber den wenigen empfand, die einen nicht aufgaben, die es trotz des Gefühls der Ohnmacht da waren, da blieben und Hilfe anboten. Manchmal haßte man sie, wünschte sich, sie würden einen einfach allein und in Ruhe lassen, zurücklassen. Doch sie blieben, kamen wieder, gaben nicht auf. Man wurde nicht aufgegeben. Man hatte einen Wert für jemand anderen, den man sich selbst mit Nachdruck absprach. Wertlos. Kraftlos. Hilflos.

Manchmal ist die Ohnmacht schwer zu ertragen, doch noch schwerer zu ertragen ist die Vorstellung, es nicht oft genug versucht zu haben, nicht dagewesen zu sein, die Hilfe nicht angeboten zu haben. Alles hat Grenzen, auch die Hilfsbereitschaft, nämlich dort, wo sie in Selbstaufgabe und Selbstzerstörung umschlägt. Wenn man einmal dort war, einmal tief in den Abgrund sah, der einen erwartet, erkennt man ihn jederzeit wieder, auch ohne dem Rand zu nahe zu kommen.

Kraft aus dem Mitgefühl, aus dem Mitleid ziehen, die Ohnmacht annehmen. Nicht für etwas; nicht für mich selbst, sondern für einen anderen Menschen… Denn er ist wertvoll.

Ich bin da.
Hier ist meine Hand.
Ich kann warten.
Ich werde warten.
Ich bleibe, denn ich weiß,
daß es sich lohnen kann.

Für mich hat es sich schon gelohnt.

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Wiederbelebt

Wirklich tot war es ja nie, dieses Blog. Das waren bzw. sind die anderen seiner Art, die ich seit Jahren unter meinem Namen bestehen lasse, ebenfalls nicht. Warum ich ausgerechnet diese Plattform für etwas wie einen Neustart nutze, warum ich ausgerechnet dieses Blog wiederbelebe, kann ich allerdings nicht sagen.

Es ist einfach passiert.

Und nun werde ich sehen, wie weit es mich trägt, dieses Blog.

Kaffee dazu?

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