Ereignisdreigestirn

Soviel gleich zu Beginn: Ich bin kein Weihnachtshasser. Ich habe auch nichts dagegen, daß jeder diese Festtage begeht, wie es ihm gefällt. Manche Menschen brauchen das Ausufernde, andere mehr das (tatsächlich) Besinnliche, und viele eben einfach irgendwas dazwischen oder drum herum. Es stört mich – kaum.

Selbst kann ich dem allen aber sehr, sehr wenig abgewinnen. Begeistert hat mich die Zeit mit den Weihnachtsfeiertagen, meinem Geburtstag und dem Jahreswechsel sicherlich als Kind, doch daran erinnere ich mich nicht lebhaft. Vielmehr spüre ich, daß sich das letzte Drittel des Dezembers für mich über die letzten Jahre zu einer regelrechten Belastung entwickelt hat.

Über die Jahre, die ich nun schon allein lebe, hat dieses Ereignisdreigestirn für mich nach und nach, dafür aber umso nachhaltiger an Reiz verloren. Ja, ich denke tatsächlich, daß es ein Prozeß war, vielleicht sogar ein Prozeß ist – allerdings ohne vorbestimmten oder vorhersagbaren Ausgang. Zuletzt wich eben das Gefühl des Reizes, der Freude, und machte Platz für ein Gefühl von Belastung.

Die wenigen Menschen, denen mein Geburtstag einmal soviel bedeutete, daß sie ihn mit mir feiern wollten, leben schon lange ihr eigenes Leben, das ihnen nur wenig Raum und Zeit für Treffen läßt. Und für mich ändert sich nur eine Zahl; da ist keine magische Linie, deren Überspringen eine Feier durch mich begründet, da ist keine besondere Leistung, die zu würdigen es sich lohnen würde. Ich existiere halt weiter, herzlichen Glückwunsch.

Ähnlich verhält es sich mit den Jahreswechseln. Das alte Jahr hier, das neue Jahr dort, und ich zwischen Menschen, die mir fremd wurden oder sind, denen ich fremd bin oder fremd geworden bin? Der Wunsch nach ehrlicher und guter Unterhaltung ist schwer zu erfüllen, und die letzten Enttäuschungen brachten mich dazu, auch diesen Anlaß allein zu begehen. Wenn schon keine gepflegte Unterhaltung, dann möchte ich wenigstens die Gedanken, die mich heimsuchen, in Ruhe sortieren.

Blieben noch die Weihnachtsfeiertage. Zu ihnen habe ich über viele Jahre den Bezug verloren. Ein wenig wurde das aufgehalten in der Zeit, als ich mit jemandem eigene Traditionen begründen und das Fest weitestgehend begehen konnte, wie es sich gut und richtig anfühlte. Doch auch dieser Haltepunkt ist Vergangenheit; was bleibt, ist der Besuch bei den Eltern: Wenig Feierliches, viel Routine und die Bemühung, die künstlich geschaffenen Anspannung nicht den Weg für einen Streit bereiten zu lassen.

Es ist eine Belastung, diese Tage am Ende eines Jahres zu überstehen. Nicht so sehr, weil es sie gibt, sondern weil sie gezwungen und unabänderlich so geballt auftreten. Die alles in allem sowieso nicht sonderlich gute Stimmungs- und Gefühlslage, die jahreszeitbedingt ihren jeweiligen Tiefpunkt erreicht, trägt ihren Teil zum Gesamtbild bei. Dies alles alleine durchzustehen ist alles andere als leicht, eine echte Herausforderung, die Kraft fordert – und belastet.

Ich bin kein Weihnachtshasser, und doch könnte ich sicher mehr als gut ohne das beschriebene Ereignisdreigestirn leben. Vielleicht ist das sogar der Punkt, vielleicht sollte ich das angehen, sollte ich das tun.

Auf die eine oder die andere Weise.

 

 

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Aus dem Licht

Am Wochenende habe ich sie wieder einmal gesehen, wieder einmal besucht, die beiden Menschen, für die ich einmal, wenn auch nur für kurze Zeit, wirklich relevant sein werde. Nach und nach bleiben keine Nachbarn, neben denen sie die längste Zeit ihres Lebens gewohnt haben, und auch keine Geschwister, zu denen sie Kontakt zu halten versuchten, übrig. Was bleibt, bin ich.

Es ist nur eine Frage der Zeit. In einigen Jahren werden sie deutlich mehr Hilfe und Aufmerksamkeit benötigen, als dies vielleicht heute der Fall ist, und sicher auch mehr, als sie offen aussprechen werden. Doch sie werden Hilfe brauchen, vielleicht sogar auf unbestimmte Zeit Pflege – doch das wird die Zeit zeigen.

Und irgendwann wird der Tag kommen, an dem der eine den anderen wird verlassen müssen, und der, welcher zurück bleibt, wird ein Leben kennenlernen, welches ihm in dieser Form, die es dann erhalten wird, vollkommen fremd ist. 40 Jahre, die man miteinander verbrachte, mehr oder minder gemeinsam, auf jeden Fall stets in der Anwesenheit und Nähe des anderen. 40 Jahre, in denen man sich an vieles gewöhnte, in denen man sich aufeinander einstellte.

Für einige Wochen, Monate oder Jahre werde ich dann derjenige sein, der dann noch übrig ist, um für den, der es noch länger aushält, da zu sein. Für eine kurze Zeit werde ich für einen Menschen nochmal eine echte Relevanz bekommen. Es wird eine Herausforderung werden, möglicherweise sogar eine Belastung ungeahnten Ausmaßes, die völlig neue und unbekannte Verpflichtungen mit sich bringt. Doch für eine kurze Zeit werde ich noch einmal für jemanden da sein dürfen, für jemanden wichtig sein.

Doch auch diese Zeit wird vorbei gehen, und mich anschließend in eine ungeahnte Freiheit, vor allem eine ethisch-moralische Freiheit entlassen, die ich kaum noch erwarten kann. Ich sorge mich um „meine Leute“, ich sorge für „meine Leute“, und das wissen diese Menschen, selbst wenn sie es nie offen ansprechen oder einfordern würden. Es wird der Zeitpunkt kommen, ab dem alle „versorgt“ sind, ab dem keiner mehr meine Unterstützung benötigen wird, ab dem ich für niemanden mehr relevant sein werde.

Es gibt Zeiten, in denen ich mir diese Freiheit herbeisehne. Gleichwohl habe ich meine Zweifel, ob ich mit dieser Freiheit werde umgehen können. Freiheit kann ungeahnte Möglichkeiten mit sich bringen, doch meistens fühlt sich die Idee dieser Freiheit für mich wie eine große Leere an, eine durchaus attraktive Leere, in die ich mich ohne Schuldgefühle und ohne Konsequenzen für andere fallen lassen könnte. Dieser Gedanke ist durchaus verlockend, das ihm innewohnende Versprechen der Sicherheit ist verlockend.

Doch noch ist es nicht soweit. Ich habe noch ein paar „meiner Leute“, von denen einige zur Zeit, einige (vielleicht) in nicht allzu ferner Zukunft meine Unterstützung „brauchen“. Für sie möchte ich da sein, ihnen möchte ich ermöglichen zu erreichen, was sie sich wünschen: Ein gutes Leben, das arm an Sorgen, Nöten und Ängsten ist. Wenn ein Weg in Richtung eines solchen Lebens eingeschlagen ist, wenn es nicht mehr in meiner Hand liegt, dann kann ich gehen.

Noch habe ich die Kraft, noch spüre ich, daß ich für einige wenige Menschen relevant bin, relevant sein darf. An dem Tag, an dem dies nicht mehr so ist, an dem ich es nicht mehr spüre, werde ich gehen: unbemerkt aus dem Licht in den Schatten treten, und die Bühne des Lebens so unspektakulär und weitestgehend unbemerkt verlassen, wie ich sie betrat.  Wer mich dann tatsächlich (noch) suchen sollte, wird mich finden, wird mich kennen und wissen, wo nach mir zu suchen sein wird.

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Weiter

Auf manche Reisen kann man sich nicht vorbereiten. Man versucht es, sicher, und bricht schließlich irgendwann auf. Man möchte unbelastet reisen, wenig Gepäck mit sich herumschleppen müssen, um frei zu sein für das, was einem unterwegs begegnet.

Doch bald schon stellt man fest, das selbst das wenige, was man bei sich trägt, schwer wiegt, und mit jedem Schritt, mit jeder Etappe schwerer zu werden scheint. Und nichts von dem, was so schwer auf einem lastet, kann abgelegt werden.

Es war schon immer da. Man trug es schon immer in sich. Es sind die Erkenntnisse, die man unterwegs sammelt, ohne sie aufheben und annehmen zu wollen, die nach und nach mehr zu Boden ziehen, jeden weiteren Schritt zu einem Kraftakt machen.

Es gibt kein Entkommen, denn es folgt einem, wie der eigene Schatten. Davonlaufen ist nicht möglich und kostet nur Kraft. Auch diese Lektion lernt man unterwegs. Davonlaufen bringt einen nicht schneller ans Ziel, denn die Zeit vergeht auf solchen Reisen anders.

Man entscheidet letztlich nicht selbst darüber, wann man aufbricht. Man findet sich plötzlich in Bewegung, ohne den Grund zu kennen, ohne ein Ziel zu sehen. Man entscheidet nicht darüber, wann man rasten darf, wann und wo einem Ruhe vergönnt sein wird.

Weiter.
Immer weiter.

Man entscheidet nicht, wer einen begleitet, wer einen verläßt. Man entscheidet nicht, was man zu sehen bekommt. Allein ob man es wahrnimmt, ob man etwas davon an sich heranläßt, kann man versuchen zu beeinflussen. Will man sich das aufladen?

Weiter.
Immer weiter.

Bis zur letzten Träne.
Bis zum letzten Gedanken.
Bis zum letzten Licht.
Bis zum letzten Schlag.
Bis zum letzten Atemzug.

Bis zur Ankunft.
Weiter.
Immer weiter.

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Eingeholt

Zuerst war da dieses Gefühl. Es war irgendwie richtig und vertraut, obwohl ich noch nie zuvor in dieser Stadt gewesen bin. Es fühlte sich an, als wäre ich angekommen. Und dann war da diese Idee. Nach einigen intensiven Überlegungen erschien es gut, wichtig und richtig, diesen Schritt zu machen. Der aktuelle Zeitpunkt war so gut wie jeder andere, ist es dem Grunde nach noch immer.

So faßte ich den Entschluß, mir aus der vermeintlichen Sicherheit eines bestehenden Anstellungsverhältnisses, vergleichsweise guter Gesundheit und einer Umgebung, aus der mich nichts und niemand zu vertreiben suchte, erst einen neuen Job und dann eine neue Bleibe zu suchen – in dieser neuen Stadt. Und mit der Energie, die aus diesem Entschluss erwuchs, unternahm ich die ersten Schritte.

Dann wurde ich eingeholt.

Mit einem Federstrich wurde die Arbeit und die seit einer Dekade erbrachten Leistungen einer Mannschaft von knapp 50 Menschen für überflüssig erklärt. Die Mohren hatten ihre Schuldigkeit getan, die Mohren durften gehen – weil andere in Ermangelung von Weitsicht und Rückgrat nun erst einmal ihren eigenen Hals in Gefahr sahen und zu retten versuchten, was zu retten schien.

Plötzlich waren da in meinem Vorhaben mehr Variablen, regelrechte Unbekannte, die zwar das Vorhaben noch nicht gänzlich infrage zu stellen vermochten, doch viele, ja, die meisten der Ausgangsüberlegungen als null und nichtig erscheinen ließen. Die Sicherheit, in der ich mich wähnte, existierte von einem Tag auf den nächsten einfach nicht mehr.

Die Sicherheit verschwand, und mit ihr auch ein gutes Stück Gelassenheit. Mit einem Mal war da eine Uhr, die tickte, ein Countdown, gegen den nun angearbeitet werden mußte. Aus Optionen wurden Notwendigkeiten, aus Weggefährten wurden Statisten, die Weite der Träume und Pläne wurde enger und enger – und diese Stadt, die mich so anzog, die mich noch immer anzieht, erschien weiter entfernt als jemals zuvor.

Wie ein Jongleur, dem unverhofft weitere Bälle zugeworfen werden, versuche auch ich all das, was in Bewegung ist und in Bewegung geriet, irgendwo im Blick und unter Kontrolle zu behalten, in der Hoffnung, daß das, was ich werde fallen lassen, fallen und zerbrechen lassen müssen, wenigstens nichts und niemand ist bzw. sein wird, dessen Verlust mich später einmal heimsuchen könnte und sicherlich auch würde.

Letztlich ist nur eines sicher: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mich wieder etwas eingeholt haben wird.

Dieses Mal. Die nächsten Male.
Immer und immer wieder eingeholt.

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Chancen

Es geht mir nicht darum, daß man mir dankt.

Das Lächeln,
auch wenn ich es nicht persönlich sehen kann,
ist viel mehr als ein einfacher Dank:
Mindestens ebenso kostbar,
doch um ein vielfaches schöner –
– weil es tiefer berührt.

Es geht mir um Chancen, die ich geben möchte.

Die Chance zu lächeln.
Die Chance zu träumen.
Die Chance zu spielen.
Die Chance zu erleben.
Die Chance zu verändern.
Die Chance auf Neues.
Die Chance auf Anderes.
Die Chance auf Ausbruch.
Die Chance auf mehr:

Die Chance auf ein Leben.

Ein Lächeln und die eine oder andere Chance.
Das eine geben, weil es sich gut und richtig anfühlt.
(Vielleicht sogar, weil es bis zu den Augen reicht.)
Die anderen wahrnehmen, annehmen, weil sie sich bieten.

Viel mehr als ein Dank.
Viel mehr als nur Worte.

Nimm, was annehmbar ist.
Und lebe, so gut es geht.

Vielleicht mit einem Lächeln.
Auf den Lippen.
In den Augen.

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Jemals

Und wenn es sich plötzlich
so anfühlt, als würden die
kostbaren Momente,
geträumt als eherner Berg
auf felsigem Fundament,
in den eigenen Händen schmelzen,
zerrinnen, wie Sand durch
die fest geschlossenen
Finger entgleiten,

dann füllt sich die Seele
mit dunklem Schmerz,
macht sich im Herzen eine
eisig kalte Leere breit,
sind die Gedanken erfüllt
von purer Angst
und Verzweiflung
vor dem Verlust

von etwas,
von jemandem,
der einem zu keinem Zeitpunkt
jemals gehörte.

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Treibgut

Nachdem man sämtliche
Leinen löste und auch den
letzten Anker lichtete,

nachdem man durch
wilde Stürme, wilde Wasser
seinen Weg suchte,

treibt man irgendwann
mit zerfetzten Segeln
orientierungslos umher.

Dann trifft man,
wie aus dem Nichts,
ähnliches Treibgut.

Und man wirft einander
Leinen zu, um nicht länger
allein umherzutreiben.

Zuerst gibt man einander
Halt und Sicherheit,
ist einander eine Insel.

Dann gibt man einander
die Orientierung wieder,
etwas wie ein Ziel.

Und schließlich kehrt
die Sicherheit zurück für
einen neuen Aufbruch.

Gemeinsam? Oder wieder
jeder für sich selbst?
Das wird sich zeigen.

Leinen lösen,
Anker lichten,
Segel setzen…

Oder treiben lassen:
Ineinander,
miteinander.

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Vielleicht

Die Entscheidung war erstaunlich rasch getroffen. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin und bleibe, war der Wunsch, das Bedürfnis nach Veränderung schon seit Monaten in mir. Vor mehr als einem Jahr genauso sehr, wie nach den Monaten die ich brauchte, um mich vom letzten Zusammenbruch zu erholen.

Warum es nun wohl ausgerechnet Berlin wird? Wer an Schicksal oder Fügung glaubt, der kann dies gerne entsprechend einsortieren. Ich selbst erlaube mir, an etwas wie glückliche Zufälle zu glauben. Und so, wie sich dieser Zufall in mein Leben schlich, hatte ich schon einige – und vielleicht ergeben sich in Berlin noch viel mehr Zufälle.

Natürlich ergaben sich aus der einen Entscheidung eine ganze Reihe von Folgen, die bedacht und abgewogen werden wollen. Doch auch dies ging (gerade für mich und meine Verhältnisse und Maßstäbe) erstaunlich schnell. Pläne fügten sich mit erstaunlicher Leichtigkeit zusammen, und ein wohliges Gefühl, daß es klappen wird, breitete sich in mir aus.

Und dann ist da ein Mensch, dessen „Vielleicht einmal.“ in mir schwingt, als hätte er ein unumstößliches „Ja! Sofort!“ ausgesprochen, und ich weiß, daß ich alles noch einmal überdenken und infrage stellen würde, wenn mich dieser Mensch darum bitten würde, ja, allein die Bitte nachzudenken andeuten würde.

Vermutlich ist es so, wie „Rapunzel.“ (@meerisch) in ihrem Tweet schrieb:

Es gibt die, bei denen es irgendwann ok ist, einfach loszulassen. Und die, die du nie loslassen kannst, weil sie dich verändert haben.

Manche Menschen möchte ich einfach nicht mehr missen, und selbst dann, wenn das einzige, was noch da ist, das einzige, was sein darf, der Kontakt über Online-Unterhaltungen ist, so bedeutet mir dies doch so unsagbar viel, daß ich ihn nicht verlieren möchte – nicht den Kontakt, und noch weniger den Menschen.

Und so werde ich fragen. Ich werde diesen Menschen fragen und mit ihm über meine Pläne sprechen. Vielleicht werden sich die Dinge ändern, wie sie sich mit der Zeit immer ändern. Vielleicht ist da auch dieses Mehr, das wir beide empfanden, das uns letztlich (irgendwo, irgendwie) zusammen brachte – auch wenn es nicht genug sein konnte, um uns dauerhaft zusammen zu halten.

Und vielleicht wird es für uns beide in Ordnung sein: Weil wir es schaffen können und wollen, weil das „Vielleicht einmal.“, das uns seit Monaten trennt, tatsächlich so viel mehr meint, wie das Schwingen vermuten läßt. Vielleicht. Ich wünsche es mir von Herzen.

Und dann geht es weiter.
Dieses Mal nach Berlin.
Bestimmt.

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Zeitreise

Das Haus ist zur Hälfte leergeräumt. Es ist fast schon unheimlich, wie im Halbdunkel selbst Schritte mit Sportschuhen hallen: im Wohnzimmer, in der Küche – überall. Es sind meine Schritte. Allein meine Schritte. Und was ich sehe, ist mein Anteil, ist das, was mir bleibt.

Es ist ein Abend der Erkenntnis, der zweite seiner Art, der zweite dieser Art, um genau zu sein. Drei Monate zuvor hatte es begonnen – oder geendet. Der erste Abend, über den die Einsicht sich mühsam den Weg in den Verstand bahnte, vorbei an all den Barrikaden des Kann-nicht-sein.

An diesem Abend sind da keine Barrikaden, keine Hindernisse. Aber auch kein Halt. Nichts. Niemand. Nur hallende Schritte im Halbdunkel eines zur Hälfte leergeräumten Hauses. Hallende Schritte im freien Fall ins Bodenlose.

Es geht um Respekt, und doch letztlich um gegebene und – weil nicht mehr haltbar – gebrochene Versprechen. Aber auch um ältere Versprechen, die zu halten ich bereit bin. Und es geht um die Einsicht, daß es Zeiten gibt, in denen es nicht zu kämpfen lohnt: keine Gegner, keine Sieger, nur Verlierer.

Ein Teil von mir war bereits vor drei Monaten gestorben, der andere will nun auch nicht mehr. Der Schritt war richtig und wichtig, irgendwo sogar angemessen und fair. Es war nicht meine Entscheidung, warum also hätte ich gehen sollen? Und nun sitze ich auf einem Sofa, das nicht mehr wirklich mir gehört.

Die Leere und Kälte des halbierten Hauses, all seine plötzliche Fremde drängt sich an mich, dringt durch die Kleider und zieht bleischwer durch jede Faser meines Körpers. Erfüllt von unendlicher Müdigkeit denke ich daran, das alles abzukürzen. Erfüllt von der Aussicht auf eine leere Zukunft denke ich daran, ein Teil der in Trümmern liegende Träume und Hoffnungen zu werden.

Und wieder geht es um Respekt, um Rücksicht. Es geht um Gedanken und Gefühle, die ich, wenn ich sie mir selbst vorstelle, niemand anderen geben möchte. Nicht jetzt, nicht hier, nicht unter diesen Umständen. Erst wenn andere gegangen sind, wäre ich frei, diesen Schritt zu gehen. Und es wäre eine Erleichterung, eine Befreiung. Denn da wäre sonst tatsächlich gar nichts mehr, das mich hielte.

Ich funktioniere. Ich werde funktionieren. Wie immer, wenn ringsherum alles im Chaos versinkt. Wie auch damals, als es uns beide fast das Leben gekostet hätte – und ich einfach funktionierte. Klar wie ein Kristall, wenn auch nur für kurze Zeit. Doch ich schaffte es. Wir überlebten. Damals.

Heute? Heute ist beinahe Geschichte, wie die Schritte, die durch das zur Hälfte leere Haus hallen. Irgendwann würde es, mußte es zu einem Ende kommen. Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt für ein Ende, niemals. Warum also nicht heute? Ich werde mich hinlegen und zu schlafen versuchen. Ist da sonst noch etwas? Nein. Nichts, was ich tun könnte. Nichts, was ich hätte tun können.

Das ist also, was bleibt.

Heute? Eine Zeitreise.

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Fremdträumen

Anfang August war es dann soweit: Ich reiste nach Berlin. Das Landei in der großen Stadt. Natürlich war ich nervös. Nach den weniger schönen Erfahrungen, welche ich (vor Jahren) in München sammeln mußte, war es auch nicht gerade leicht, einigermaßen offen für das zu sein, zu bleiben, was kommen könnte und würde. Würde ich mit Berlin zurecht kommen? Würde Berlin mit mir zurecht kommen?

Trotz einiger Begebenheiten, die durchaus ein mulmiges Gefühl bei mir hinterließen, stand eines schon nach den ersten Tagen für mich fest: Ich möchte (zumindest für ein paar Jahre) nach Berlin, dort leben und, ja, auch arbeiten. Mit dieser Idee, die sich bis zu meiner Abreise schließlich zu einem Vorsatz entwickelte, kam ich zurück. Und das Gefühl ist noch immer da. Ein gutes Gefühl.

Natürlich wollte ich diese Idee zu meinem Vorhaben teilen, insbesondere mit den wenigen Menschen, die ich einigermaßen gut kenne, die mich recht gut kennen, und deren Meinungen für mich durchaus (ein gewisses) Gewicht haben. Dabei durfte ich erfahren, wie schwer es vielen Menschen fällt, sich in andere hineinzuversetzen, anderen zuzuhören und anzunehmen, was gerade da ist.

Vielmehr erlebte ich, wie rasch ich als Stellvertreter dienen durfte (oder mußte), nämlich für Träume und Ängste dieser Menschen. Rasch ging es in den Gesprächen gar nicht mehr um meine Pläne, meine Bedenken und Sorgen, meine Wünsche und Hoffnungen, die sich an diesen Wechsel nach Berlin knüpften und knüpfen. Und ebenso rasch merkte ich, wie wenig ich diese Menschen kenne, wie wenig sie mich kennen – und wie egal ich ihnen dem Grunde nach bin.

Vielleicht ist das, was ich in dieser Hinsicht erlebte und erlebe, ja auch ganz normales Verhalten, denn irgendwo ist die Reaktion nachvollziehbar: Dieser Freund, dieser Bekannte hat sich entschieden, ein gewisses Risiko einzugehen, hat sich entschieden, gewisse Änderungen auszulösen und zu durchleben – und er macht den Eindruck, als wäre es ihm ernst damit, als würde er das durchziehen; wäre ich an seiner Stelle, würde ich es tun, wäre ich bereit dazu?

Und so durfte ich mir, neben den dankend angenommenen Glückwünschen und den obligatorischen gut gemeinten Ratschlägen, auch viele der sehr tief verwurzelten Bedenken und Ängste derer anhören, die ich ansprach. Die Herausforderung war und ist letztlich, diese fremden Träume, diese fremden Ängste und Bedenken nicht zu meinen zu machen, nicht zu meinen werden zu lassen. Und das ist manchmal nicht leicht.

Gerade Menschen, die ich schon lange kenne, mit denen ich teilweise auch lange und intensive Beziehungen unterhielt, erkannte ich fast nicht wieder, so sehr hatten sie sich – wenn ich nach ihren Ausführungen gehe – verändert. Umgekehrt ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein sehr ähnlicher Eindruck entstanden. Man kannte sich, und dann lebte jeder sein eigenes Leben weiter.

Ich kann nicht fremdträumen. Weder möchte ich es, noch bin ich dazu in der Lage. Der Abschied von einigen Menschen wird mir, wenn ja auch nur auf Zeit, leicht fallen, ist teilweise sogar schon geschehen. Innerlich – heimlich, still und leise, über Monate und Jahre. Doch gerade dort, wo noch eine (vielleicht sogar erst kürzlich wiedererstarkte) Verbindung besteht, fällt der Gedanke an die (vor allem räumliche, aber auch sich auf die Kommunikation auswirkende) Trennung schwer.

Fremdträumen ist nicht möglich, auch nicht wünschenswert. Doch wenn man Träume, Wünsche und Hoffnungen teilt, als wären sie die eigenen, weil sie es tatsächlich (zumindest ein Stück weit) sind, dann ist der Abschied, ist die Trennung eine wirkliche Herausforderung – auch wenn man daran glauben kann und möchte, auch dem anderen einen Traum zu erfüllen, eben weil man ein Stück von ihm mit sich nehmen wird, mit sich nimmt und stets bei sich trägt.

Inzwischen sind die für mich wichtigsten Gespräche geführt. Im Oktober werde ich noch einmal nach Berlin reisen, quasi als eine Form meines ganz persönlichen Lackmustestes: Komme ich auch unter geänderten Randbedingungen mit Berlin zurecht, kommt Berlin auch mit meinem dann doch veränderten Ich zurecht? Tatsächliche Bedenken habe ich nicht, vielleicht auch aus dem Grund, daß ich die Entscheidung schon längst getroffen habe.

Es war, es ist Zeit für eine Veränderung. Diese zuletzt noch verborgene Wahrheit spreche ich inzwischen offen an und aus. Es wird nicht einfach, es wird nicht leicht, doch das war es bisher nie. Es ist einer meiner Träume, mein eigener, nicht der eines anderen Menschen, und ich möchte zumindest diesen in Erfüllung gehen lassen. Das bin ich mir selbst schuldig – und auch mindestens einem anderen Menschen, irgendwo, doch vor allen Dingen mir selbst.

Hallo Berlin.

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